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Europas pharmazeutische Achillesferse. Oder: Wie ich lernte, die Sorge abzulegen und unsere 80-%-Abhängigkeit von Asien zu lieben

Wie abhängig ist die europäische Pharmaindustrie von Asien, und was heißt das für Ihre Karriere?

Europa bezieht rund 80 % seiner pharmazeutischen Wirkstoffe aus Asien, vor allem aus China und Indien. Diese Abhängigkeit wird jetzt zurückgedreht, langsam, über den EU Critical Medicines Act und über Anreize für die Rückverlagerung der Produktion. In den nächsten drei Jahren entsteht dadurch im DACH-Raum Bedarf an Fachleuten für Supply Chain, regulatorisches CMC und Qualität. Wenn Ihr Lebenslauf Erfahrung in der Versorgung mit Wirkstoffen erkennen lässt, sitzen Sie auf einem der krisenfestesten Karrierewege der Pharmabranche in diesem Jahrzehnt.

(Spoiler: Sollten wir besser nicht)

Nach 8 Jahren in der Pharmaindustrie bei Bayer habe ich eine Menge Diskussionen über Lieferketten mitgemacht. Aber die neuesten Zahlen aus dem Handelsblatt sollten jeden in dieser Branche aufhorchen lassen und zu etwas Stärkerem greifen lassen als zum Morgenkaffee.

Die unbequeme Wahrheit

80 % der Wirkstoffe (APIs), die in Europa verwendet werden, kommen inzwischen aus China und Indien.

Lassen Sie das einen Moment wirken. Acht. Null. Prozent.

David Seignolle, CEO von EuroAPI, dem größten Wirkstoffhersteller Europas, sagt es ohne Umschweife: „Die Pharmaindustrie in Europa steht an einem kritischen Punkt. Es ist Zeit zu handeln, sonst könnte es zu spät sein.“

Déjà-vu: das Drehbuch der Chipkrise

Erinnern Sie sich an die Halbleiterkrise um Nexperia, die die Autoproduktion in Deutschland lahmgelegt hat?

Wir sehen denselben Film, nur in einer anderen Branche. Halbleiter gegen Pharma:

o Gleiche Handlung: strategische Abhängigkeit von einer Handvoll konzentrierter Lieferanten in Asien

o Gleiches Risiko: geopolitische Erpressbarkeit und Ausfälle in der Lieferkette

o Gleicher Weckruf: zu spät zum Verhindern, hoffentlich nicht zu spät zum Reparieren

Jasmina Kirchhoff vom Institut der deutschen Wirtschaft sagt dazu: „Ob Chips oder Antibiotika – die Abhängigkeiten folgen derselben strukturellen Logik.“

Die Zahlen, die uns Sorgen machen sollten

Sehen wir uns an, wie groß die Angriffsfläche wirklich ist:

o 30 % der versorgungskritischen Wirkstoffe könnten knapp werden, wenn China die Exporte stoppt

o 500+ Medikamente sind in Deutschland aktuell von Lieferproblemen betroffen (laut BfArM)

o 70 %+ von drei bestimmten Wirkstoffen für den deutschen Markt stammen ausschließlich aus China

o 50 % der Rohstoffe am EuroAPI-Standort in Frankfurt werden aus Asien bezogen

Wie sind wir hier gelandet?

Der perfekte Sturm aus ökonomischer Vernunft und strategischer Kurzsichtigkeit:

o Kostendruck: In Asien wird deutlich günstiger produziert als in Europa

o Regulatorische Arbitrage: Strengere Umweltauflagen in Europa machen die Produktion aufwendiger und teurer

o Enge Budgets im Gesundheitswesen: Die europäischen Gesundheitssysteme arbeiten mit knappen Margen, der Preisdruck nach unten hört nie auf

o Kurzfristiges Denken: Jahrzehntelang galt China als „billige Werkbank“, ohne dass jemand die langfristigen strategischen Risiken mitgedacht hätte

Ein Beispiel dafür: EuroAPI hat bereits 13 Wirkstoffe aus dem eigenen Portfolio gestrichen. Selbst Metamizol, ein gängiges Schmerz- und Fiebermittel, wird in Europa nicht mehr hergestellt. Zu teuer im Vergleich zu den Alternativen aus Asien.

Das Generika-Dilemma

Am härtesten trifft das Problem die Hersteller von Generika und die Produzenten von Wirkstoffen:

o Betroffen sind vor allem Produkte mit geringer Marge, nicht die lukrativen Innovationspräparate

o Die Vorprodukte für Antibiotika stammen fast vollständig aus chinesischer Fertigung

o Die Hersteller in Europa können beim Preis buchstäblich nicht mithalten

o Ergebnis: leere Regale in den Apotheken und wachsende Lücken in der Versorgung

Seignolle gibt es freimütig zu: „Unsere Produkte sind für viele Generikahersteller schlicht zu teuer.“

Gibt es einen Ausweg?

Die gute Nachricht: Europa wacht endlich auf.

Der Critical Medicines Act der EU steht für einen politischen Kurswechsel hin zu:

o Anreizen für Produktionsstandorte in Europa

o Strengeren Anforderungen an die Sicherheit der Lieferketten

o Strategischer Bevorratung von kritischen Medikamenten

Der Realitätscheck: Der Entwurf wurde Anfang 2025 vorgelegt, umgesetzt ist er bis heute nicht. Und Matthias Kromayer von MIG Capital warnt, die Wirkstoffproduktion nach Europa zurückzuverlagern sei zwar möglich, würde aber Jahre dauern.

Die Billionen-Dollar-Frage

Wie bringen wir drei Ziele unter einen Hut, die sich gegenseitig im Weg stehen?

o Bezahlbare Gesundheitsversorgung (knappe öffentliche Budgets)

o Versorgungssicherheit (strategische Autonomie)

o Wettbewerbsfähige Preise (die Logik des Marktes)

IW-Expertin Kirchhoff formuliert es so: „Das Ganze wird begrenzt durch die engen finanziellen Spielräume der Gesundheitssysteme. Wir müssen mit dem vorhandenen Geld effizienter wirtschaften – die Frage ist: wie?“

Der Weg nach vorn: keine bequemen Antworten

Was nicht funktionieren wird:

o Reiner Protektionismus (in Europa fehlt schlicht die Kapazität für eine vollständige Produktion)

o Kosmetische Lösungen (Unternehmen erledigen die „letzten 2-3 Produktionsschritte“ in Europa und importieren alles andere aus Asien)

o Das Problem ignorieren, bis die nächste Krise kommt

Was funktionieren könnte:

o Gezielte Förderung für eine echte Wirkstoffproduktion in Europa

o Klare Vorgaben zur Herkunft in öffentlichen Ausschreibungen

o Risikobasierter Ansatz: Nicht jedes Medikament muss in Europa produziert werden, die kritischen schon

o Langfristige Verträge, die die höheren Kosten für eine Produktion in Europa anerkennen

o Resilienz über Diversifizierung aufbauen, nicht über eine vollständige Rückverlagerung

Meine Sicht nach 13 Jahren in diesem Geschäft

Zwei Jahrzehnte lang haben wir auf Kosten optimiert und dabei das geopolitische Risiko komplett ausgeblendet. Diese Rechnung wird jetzt fällig.

Die Pharmaindustrie ist stolz auf Innovation und Patientensicherheit. Trotzdem haben wir ein System gebaut, in dem die Exportentscheidung einer einzigen Regierung europäische Patienten ohne Antibiotika, ohne Schmerzmittel und ohne Diabetestherapie dastehen lassen kann.

Der Critical Medicines Act ist ein Anfang, aber wir müssen von Positionspapieren zu Produktionsanlagen kommen. Und zwar schnell.

Denn anders als bei Halbleitern verlieren Menschen, wenn pharmazeutische Lieferketten reißen, nicht einfach ihr Auto. Sie verlieren den Zugang zu lebensrettenden Medikamenten.

Fragen an mein Netzwerk

Wie geht Ihr Unternehmen mit den Risiken in der Lieferkette für Wirkstoffe um?

Haben Sie konkrete Schritte gesehen, die über reine Risikobewertungen hinausgehen?

Wie sehen Sie den Zielkonflikt zwischen Kosten und Versorgungssicherheit?

Kann Europa realistisch wieder eine eigene pharmazeutische Produktion aufbauen, oder ist gemanagte Abhängigkeit der einzige pragmatische Weg?

Diskutieren wir in den Kommentaren. Das betrifft uns alle, ob Sie in der Produktion arbeiten, in Regulatory Affairs, im Commercial oder im Talent Acquisition.

Quellen: Handelsblatt-Artikel „Abhängig von Arznei aus China – Europas nächster Nexperia-Moment?“ (3. November 2025), Interviews mit David Seignolle (CEO von EuroAPI), EU-Kommissar Oliver Varhelyi und Branchenanalysten.

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